WANDERER - Die Wiederbelebung einer Marke
Eine verpflichtende Historie.
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Die großen Zentren der sich schnell entwickelnden Fahrradindustrie waren in den 20er Jahren Bielefeld, Nürnberg und schließlich Chemnitz und Dresden in Sachsen. Unter den zeitweise bis zu 3.000 Herstellern erlangten nur wenige überregionale Bedeutung.
Zu den Firmen der ersten Gründungsgeneration gehörte das im Jahre 1885 (damals noch unter dem Namen „Chemnitzer Velociped-Depot”) gemeinsam von einem Fahrrad-Enthusiasten (J.Winklhofer) und einem Mechaniker (R.A.Jaenicke) gegründete Unternehmen WANDERER in Chemnitz. Zur Gründung des Unternehmens trug J. Winklhofer – der spätere Firmenleiter – ein Startkapital von 600 Reichsmark und einen gebrauchten Parallelschraubstock bei. Aber das wohl wichtigste Startkapital war eher ein Grundsatz: „Jedenfalls war ich selbst von allem Anfange an fest entschlossen, streng darauf zu achten, dass alles, was wir machten, nur von allerbester Qualität sein soll. Denn ich ahnte schon damals, dass wir nur unter Befolgung dieses obersten Grundsatzes vorwärts kommen könnten." (J. Winklhofer, Erinnerungen aus meinem Leben, München 1940).
Um die Jahrhundertwende war WANDERER zu einem bedeutenden Unternehmen auf dem wachsenden Fahrradmarkt geworden und hielt verschiedene Patente (so etwa für die erste deutsche Zweigang-Nabenschaltung im Jahre 1902) und Gebrauchsmuster inne.
Damals begann WANDERER auch, seine Produktpalette auf weitere feinmechanische Erzeugnisse (Werkzeugmaschinen, „Continental”-Schreib- und Rechenmaschinen) sowie auf die Produktion von Motorrädern und Autos auszuweiten (die Automobilproduktion ging später in der Chemnitzer Auto-Union auf).
Gleichzeitig setzte WANDERER der Konkurrenz auf dem Fahrradmarkt erfolgreich sein Konzept eines auf Langlebigkeit und Wertbeständigkeit hin konstruierten Rades entgegen. Der Ratschlag „Wähle Wanderer des Wertes wegen” überzeugte schon in den zwanziger und dreißiger Jahren angesichts der außerordentlich guten Verarbeitung vom Rahmen bis zur kleinsten Fahrradkomponente. Als im Jahre 1948 die Chemnitzer WANDERER-Werke in einen VEB umgewandelt wurden, wurde die westdeutsche Produktion in der Nähe von München neu aufgebaut; noch bis 1957 wurden dort WANDERER-Fahrräder hergestellt.
Die Wiedergeburt.
Bei der Wiederbelebung der Marke WANDERER im Jahre 1998 ging es uns darum, nach heutigen Maßstäben Fahrräder anzubieten, die es nicht nur an Eleganz und Robustheit, sondern vor allem in der kompromißlosen Auswahl des montierten Zubehörs mit dem Qualitätsanspruch der alten WANDERER-Fahrräder aufnehmen konnten. Hinzu kam das Ansinnen, das Rad in Deutschland montieren zu lassen und weitestgehend mit in Europa gefertigten Komponenten zu bestücken. Mit dem bekannten Kölner Radkonstrukteur Hans-Gerd Lanzerath konnten wir einen Partner für unser Projekt gewinnen, der zunächst als freier Mitarbeiter und später als fest angestellter Projektleiter die Fachkompetenz und auch das nötige Herzblut mitbrachte, um aus der Idee ein konkretes marktfähiges Produkt zu machen.
Das erste Glanzstück. Der Tourer.
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Mit dem im Frühjahr 1998 präsentierten Tourer, gelang es die Fahrradmarke WANDERER wieder mit neuem Leben zu füllen. Das Echo in der Presse übertraf unsere Erwartungen. So beschrieb u.a. die FAZ in ihrer Ausgabe vom 30.06.1998 den Tourer als eine „Annäherung an ein Traumfahrrad“, bei dem man „allenthalben auf Details stößt, die von geradezu liebevoller Sorgfalt zeugen“ – und neben „Schönheit, Erstklassigkeit, Exklusivität“ auch noch „schnurrendes Funktionieren ohne Fehl und Tadel … zu schätzen weiß. … Unbelästigt von störenden Geräuschen genießt man die Leichtgängigkeit dieses bei Rahmenhöhe 53,5 cm knapp 17 Kilogramm wiegenden Tourers. … Mit diesem Wanderer gurkt man nicht auf einem Bike herum. Man fährt Rad, als ob es Dressurreiten mit Pedalen gäbe.“
Diesem Erfolg war eine lange Vorbereitungs- und Konstruktionsphase vorausgegangen, verbunden mit der Suche nach geeigneten Komponenten und Produktionspartnern, die im Auftrag von Manufactum die Montage übernehmen sollten.
Der Rahmen.
Besondere Sorgfalt wurde in die Konstruktion des Tourer-Rahmens gelegt, dem Herzstück des Rades. Die verschiedenen Rahmenhöhen wurden von Hans-Gerd Lanzerath speziell entworfen und sind nicht einfach nur eine vergrößerte Kopie des kleineren Gegenstücks: Mit zunehmender Rahmenhöhe wurden Oberrohr, Vorderbau, Steuerrohr und eventuell (wo notwendig) Rohrdimensionierung neu berechnet. Unser Ziel war es, eine klassische Linienführung beizubehalten und sie gleichzeitig durch wohldurchdachte Änderungen noch zu verbessern. So wurde etwa auf einen großen Radstand geachtet, der u.a. mehr „Fußfreiheit” gewährleistet als herkömmliche Rahmenkonstruktionen.
Als Verarbeitungsverfahren hatten wir uns für den klassischen Stahlrohrrahmen entschieden, bei dem die Rahmenrohre von Hand in Feingußmuffen verlötet werden. Die Gabel verfügte – im Gegensatz zur mittlerweile gängigen Einheitsgabel aus Fernost – über einen klassischen Feingußgabelkopf.
Diese Konstruktions- und Verarbeitungsmerkmale haben wir bis heute bei unseren Klassikmodellen beibehalten.
Die Details.
Die Auswahl der Komponenten wurde von dem Leitgedanken bestimmt, daß diese in Europa gefertigt und obwohl in Qualität und technischer Funktion über alle Zweifel erhaben, sich nicht in den Vordergrund drängen sollten. Ziel war es nicht ein beliebiges Rad mit der Schaltung X und der Bremse Y anzubieten, sondern ein WANDERER, das als Gesamtheit im Markt auftritt. Dies war und ist für den Fahrradmarkt ungewöhnlich. Gerade die Liebe zum Detail von den Ventilkäppchen aus Metall mit Kettchen bis hin zu den Magura-Hydraulikbremsen mit Stahlflexleitungen machte den Tourer zu einem unverwechselbaren Rad.
Die Realisation.
In Anbetracht des für den Fahrradmarkt unüblichen Konzeptes eines Rades, daß sich nicht über seine Bauteile und deren Hervorhebung vermarktet, war einige Überzeugungsarbeit bei Produzenten und Fachhändlern notwendig.
Letztere sollten mit ins Boot genommen werden, damit WANDERER nicht die kleine aber feine Hausmarke von Manufactum wird, sondern sich am Markt als eigenständige Marke etablieren konnte. Produzenten von Bauteilen und Partner zur Montage galt es im Vorfeld zu überzeugen, was oftmals durch die Übernahme des wirtschaftlichen Risikos durch Manufactum gelang. Die Fachhändler wurden mit Markteinführung überzeugt, als die ersten Händler, die sich von Beginn an beteiligten, im Katalog beworben wurden und Kunden in den Laden kamen, die vorher die Läden nicht betreten hatten. WANDERER erschloss dem Fachhandel neue Kunden und die Präsentation im Manufactum-Katalog erwies sich als Verkaufsunterstützung und nicht als Konkurrenz.
Die Entwicklung bis heute.
Waren es im Frühjahr 1998 zwei Modelle, die wir unter der Marke WANDERER vorstellten, so wurde daraus zwischenzeitlich ein komplettes Sortiment an Rädern, das dem Anspruch an WANDERER gerecht wurde.
Die Markteinführung, der Vertrieb und die Produktgestaltung lagen in den ersten Jahren ausschließlich bei Manufactum. Dabei wurden alle auftretenden Komplikationen, wie der zwischenzeitliche Ausfall unseres ersten Montagepartners durch unsere interne Projektgruppe gemanagt.
Verändern und sich trotzdem treu bleiben.
Konzessionen mußten wir bei unseren ursprünglichen Zielen eingehen. Das Rad in Deutschland montieren zu lassen und weitestgehend mit in Europa gefertigten Komponenten zu bestücken ließ sich angesichts der Marktveränderungen im Bereich Fahrrad leider immer seltener realisieren. So erfuhren wir bei der Konzeption und Realisation unserer WANDERER-Fahrräder, daß Taiwan beispielsweise keineswegs mehr umstandslos als Billiglohnland betrachtet werden kann, sondern vielmehr der technologisch führende Standort für Zweirad- und andere Feinmechanik geworden ist.
Eine Konzession wird von uns jedoch nicht gemacht. Die Verantwortung für die Marke WANDERER liegt klar in unserer Hand und wir haben uns für die Entwicklung der nächsten WANDERER-Generation mit der zwei plus zwei GmbH aus Köln einen kompetenten Fachhandelspartner mit ins Boot genommen, der über entsprechende Kompetenz in der technischen Entwicklung, der Konzeption des Sortimentes und dem Verständnis für eine Marke wie WANDERER verfügt.
Die neue Generation unterscheidet sich auf den ersten Blick von den ersten Rädern, doch auf den zweiten Blick wird deutlich, daß es sich um die konsequente Fortschreibung unseres ersten Radkonzeptes handelt und im Fahrradmarkt für Bewegung sorgen wird. Aktuelles zu den neuen Rädern finden Sie unter www.wanderer-fahrraeder.com.
Rückblick und Vorausschau.
WANDERER ist sicherlich das umfangreichste Entwicklungsprojekt, das wir begonnen haben. Von der Idee bis zur Marke WANDERER war es ein weiter Weg. Der Wunsch nach einem Fahrrad, das unseren Vorstellungen entsprach war der Auslöser, doch daraus ist mehr geworden. Heute ist WANDERER eine erfolgreiche Marke, die sich im Fachhandel etabliert hat. Wurden die ersten Modelle komplett im eigenen Haus, unter Einsatz erheblicher finanzieller und personeller Ressourcen realisiert, so konnte WANDERER nach den Startjahren als Marke überzeugen und ein Partner aus der Branche, die uns zunächst belächelt hat, gewonnen werden. Der Fachhandelsvertrieb, der überwiegende Teil der WANDERER-Fahrräder wird über den Fachhandel verkauft, erfolgt ausschließlich über zwei plus zwei. Manufactum ist mit WANDERER einen neuen Weg gegangen und hat den stationären Fachhandel, der auf den ersten Blick im Wettbewerb zu Manufactum steht, mit ins Boot genommen und als gemeinsame Partner zum Erfolg der Marke geführt.
Unsere Stärken.
WANDERER zeigt aber auch die Kernkompetenz von Manufactum in der Produktentwicklung. Eine Idee mit Engagement, personell und finanziell, voranzutreiben, dabei Entwickler und Produzenten zusammen zu führen, sofern nicht im eigenen Haus vorhanden, und, mit dem uns eigenen Blick für ein gutes Ding, zu realisieren. Neben dieser Entwicklungskompetenz können wir durch unsere Vertriebswege Produkte über das Versandhaus Manufactum direkt an den Endkunden bringen und/oder über den Großhandel der Manufactum Produkt GmbH an den Fachhandel liefern. Dies eröffnet uns die Möglichkeit Produkte zu realisieren, obwohl die Branche den eigenen Gesetzen gehorchend zunächst ungläubig, erst durch den Druck des Marktes mit ins Boot steigt.
Diese Kombination aus Produktverständnis und dem Zugang zu verschiedenen Märkten machen uns zu einem Partner für Entwickler, Produzenten und auch einfach nur Menschen mit einer Idee für ein gutes Ding, um diese Realität werden zu lassen.

